Hier ein Audiointerview (mp3) (ogg) vom Freien Radio Salzkammergut, das im Rahmen des Bock Ma's Benefiz Festivals 2008 entstanden ist.
Wie viele Menschen spielen bei Früchte des Zorns, und in welcher Besetzung spielt ihr?
Wir sind zur Zeit zu dritt und zwar:
Mogli (Gesang und Gitarre)
Anke (Geige, Posaune, Bratsche, Gesang)
Hannah (Schlagwerk, Gesang)
Ich weiß zumindest, dass ihr außer bei Früchte des Zorns z.B. auch noch bei Revolte Springen mitmacht. Gibt es sonst noch irgendwelche Projekte, in denen ihr aktiv seid?
Nein, wenn wir nicht mit Früchte des Zorns spielen, dann schlafen wir ...
Spaß beiseite: Es gibt eine Menge anderer Projekte, in denen wir aktiv sind,
wie z. B.: unsere Wohnzusammenhänge, Beziehungen, Freundschaften oder
Politgruppen.
Außerdem machen wir auch noch mit anderen Menschen Musik: Anke in diversen
Einzelprojekten und Hannah bei Percussonia.
Findet ihr es angesichts der gesellschaftlichen Realität überhaupt sinnvoll, Musik zu machen?
Musik allein hat noch keine Gesellschafts"ordnung" umgeworfen. Aber beim
Musikhören packen Dich Gefühle, Du spürst, dass Du lebst.
Über die Musik lassen sich Inhalte erzählen; es finden sich Leute zusammen,
denen diese etwas sagen und die sich darüber austauschen. Dies fördert die
Kommunikation und das Gefühl und Wissen, nicht allein zu sein.
Unsere Lieder sind die Verknüpfung von Texten, in denen wir klar benennen
wollen, was uns quält, und einer Musik, die emotional berührt. Unsere
Musik als Früchte des Zorns zeigt uns mit unserer Trauer und unserer Wut
angesichts des alltäglich Gesehenen und Erlebten, wie zum Beispiel rassistische
oder sexistische Übergriffe. Durch viele Mails und
Briefe wissen wir, dass es viele andere Menschen gibt, die sich in unseren
Texten und der Musik wiederfinden. Wir fühlen uns voneinander verstanden.
Das ist der erste Schritt.
Nun kommt's drauf an, was mensch damit macht. Trauer und Wut - und die
Benennung derselben - können Impulse geben, etwas zu verändern. Es geht
nicht darum, den Frieden in Dir selbst in einer katastrophalen Umwelt zu
finden, sondern die Ursachen für das Elend herauszukristallisieren, um sie
zu bekämpfen und zu "beheben"... Leider gibt's dafür auch kein Patentrezept.
Für uns ist auch wichtig, herauszufinden, was wir eigentlich wollen, und was
uns das Leben lebenswert macht.
Ihr habt ja bisher all eure Tonträger selber rausgebracht und trotzdem steht drauf "Ab dafür! Records". Was ist Ab dafür! Records?
Ab dafür! Records ist kein
Label im eigentlichen Sinne, sondern ein Netzwerk
von befreundeten Bands und Projekten. Wir geben unsere CDs untereinander
weiter und verkaufen CDs von den anderen Projekten bei Konzerten. Mitglieder
bis jetzt sind z. B. Milch und Blut, Ersatzkapelle, die Guten, Quetschenpaua,
New Yok, Revolte Springen und einige andere. Das sind alles Bands, die ihre Musik (auch) als
politisches Ausdrucksmedium von und für linke(n) Subkulturen sehen. Das alles
soll nicht der möglichst guten Vermarktung im kapitalistischen (oder sonst
wie Geld scheffeln wollenden) Sinne dienen, sondern zu einer möglichst weiten
Verbreitung der Musik und ihrer Inhalte zu fairen Preisen führen.
Diese Art von gegenseitiger Unterstützung ist für uns wesentlich wertvoller und
angenehmer als ein Label, oder sonst wer, der uns irgendwie vorschreiben
möchte, was für Musik wir machen sollen. Wir entscheiden selbst, für wen und
zu welchen Konditionen wir spielen. Wir machen die gesamte Produktion selbst:
Wir entscheiden, wie die Stücke aufgenommen, gemischt und gemastert werden,
machen das Layout selbst und suchen uns Druckerei und Presswerk aus.
Als Früchte des Zorns ist uns übrigens auch wichtig, alle Stücke kostenlos
auf unserer Internetseite anzubieten. No copy kills music - capitalism
kills music!
Wie entsteht denn bei euch ein Song und wer schreibt die Texte? Macht das eine_r alleine oder macht ihr das immer zusammen? Gibt es zuerst den Text und dann wird die Musik dazu gemacht, oder ist das bei euch umgekehrt?
Meistens schreibt Mogli einen Liedtext und bringt den als fertig
geschriebenes Lied mit Melodie oder als Fragment mit zur Probe. Entweder
finden Anke und Hannah es sofort gut, oder es wird erstmal darüber diskutiert
und verändert oder verworfen.
Wenn dann alle einigermaßen zufrieden sind, setzen wir uns an die musikalische
Umsetzung, die stärker von Anke und Hannah getragen wird. Dabei schreiben wir
keine Partitur, sondern versuchen, über Improvisationen und gegenseitige
Vorschläge zu einer musikalischen Form zu finden, die die Texte bestmöglich
unterstützt und die ihren Teil zu der Fühlbarkeit der Musik beiträgt.
Erzählt mal ein bisschen über die Geschichte von Früchte des Zorns. Wann habt ihr euch gegründet, was habt ihr schon veröffentlicht, gab es schon Besetzungswechsel ... ?
Gegründet haben wir uns Anfang 1999 als Duo (Mogli und Anke) vor dem
Haupteingang des Altonaer Bahnhofs. Im darauffolgenden Sommer versuchten wir uns
ein bisschen in Kneipen und in der U-Bahn und bekamen Kontakt zur
Rotzfrechen Asphalt-Kultur (RAK).
Im Oktober 99 hatten wir unser erstes Konzert in der
Roten Flora in Hamburg, und Ende 2000 haben wir mit einfachsten Mitteln unsere
erste CD (In meinem Kopf ist eine Bombe) aufgenommen.
Es kam zwischen uns aber immer wieder zu Konflikten, die sich nicht klären
ließen. Am Ende der ersten Aufnahme waren wir völlig zerstritten und
versuchten, uns möglichst aus dem Weg zu gehen.
Im Februar 2001 gründeten wir dann zusammen mit anderen Menschen das
Kleinkunstpunk-Projekt "Revolte Springen". Die gemeinsame "Arbeit" bei der
Revolte veränderte unseren Umgang miteinander. Wir näherten uns wieder
einander an und entschieden uns dafür, das Projekt "Früchte des Zorns" mit
einer letzten CD "zu Grabe zu tragen".
Wir fragten Hannah, die wir bei Revolte Springen näher kennengelernt hatten,
ob sie nicht Lust hätte, bei den Aufnahmen Schlagzeug zu spielen. Sie hatte
Lust, und seitdem sind wir zu dritt.
Im Februar 2003 brachten wir zusammen die CD "zwischen leben und überleben"
raus. Bei den Aufnahmen hatten wir soviel Spaß miteinander, dass daraus ein
Neuanfang wurde.
Im März 2005 haben wir die Single "Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust"
veröffentlicht. Darauf folgte 2007 das Album "Wie Antennen in den Himmel" und im Mai 2010 das Album
"Unter unserer Haut".
Unsere Bandgeschichte ist von größeren Pausenzeiten geprägt. Einige von uns waren
immer mal wieder längere Zeit auf Reisen oder von anderen Projekten so sehr eingenommen.
Aber im Moment haben wir wieder mehr Zeit zum Musikmachen.
wir sehen unserer Zukunft positiv entgegen –
wir haben uns über die Jahren viel weiterentwickelt; musikalisch sowie als
Kollektiv. Wir haben uns echt lieben gelernt und haben total Lust
darauf, was zusammen zu machen und wir sind hungrig und gespannt auf die Zukunft!
[Stand Frühling 2010]