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Über uns

Interview mit Früchte des Zorns aus Carrots And Rotten Cars Nr.1

Stellt euch doch erstmal vor. Seit wann gibt's euch schon und wie habt ihr damals angefangen?

A : Also, wir haben Anfang '99 angefangen, haben dann erstmal ein, zwei Jahre zu zweit Musik gemacht, haben dann auch beide bei "Revolte Springen" angefangen und da Hannah kennengelernt, die dann ab 2002 dabei war. Seitdem sind wir zu dritt, haben eine CD aufgenommen...zwischendurch immer längere Pausen gemacht und sind gerade dabei ein neues Programm zu machen.

Ihr seid ja außerhalb von "Früchte des Zorns" noch alle bei "Revolte Springen",sonst noch irgendwelche anderen Projekte?

M : Bei mir nicht.WG, Freundschaft, Politgruppen...

A : Aber Hannah spielt noch bei "Percussionia" mit, 'ne Trommelgruppe.

Wie sieht das bei euch so mit Arbeit aus? Wie finanziert ihr euren Lebensunterhalt?

M : Ich krieg so'n bisschen Staatskohle und mache Musik in der U-Bahn. Und ich krieg 'n bisschen Geld von meinen Eltern noch...Eigentlich ist mir das unangenehm (lachen), aber es ist einfach so.

A : Ich werde voll von meinen Eltern finanziert (wieder Gelächter). Hannah arbeitet und verdient glaub ich auch mit "Percussionia" immer noch so'n bisschen.

Ihr seid ja bei "ab-dafür-records". Ist das sowas wie eine große Familie, also kennen sich dort alle Künstler untereinander?

M : Ja, ist so ein Freundeskreis...Das Label hat ein Freund von uns, Alfred von Milch und Blut, damals mitgegründet und da war dann erstmal so ne Clique...die üblichen Verdächtigen halt: Quetschenpaua, Milch und Blut, die Guten, usw...und dann sind wir dazugekommen irgendwann. Es komt immer mal wieder jemand dazu. Von der Musikrichtung ist das alles sehr ähnlich, alles unplugged...

A : Also ich finde, es ist schon so'n relativ großes Spektrum von Folk bis Punk, so grob...Kleinkunstpunk irgendwie so in der Richtung. Und was bei "ab-dafür" noch so ein zentrales Monument ist, ist eben die Website, die ich vor 3 Jahren gemacht hab, worüber eigentlich das wichtigste von "ab-dafür" läuft, das ist der Verkauf. Dass es einfach diese zentrale Stelle gibt, wo z.B. Leute hinkommen und eigentlich nach Quetschenpaua suchen und dann aber noch alles mögliche andere finden, das find ich auch spannend.

M : Und dass es bei "ab-dafür" darum geht so'n Label zu machen, was für nen relativ geringen Preis Musik für Leute anbietet. Da kostet keine CD über 10 Euro und das ist uns irgendwie auch total wichtig. Da haben wir auch ganz viel drüber diskutiert und ganz viele Auseinandersetzungen drüber schon gehabt, was auch zur Folge hatte, dass eine Band gesagt hat, die erst bei dem Label sein wollte und 15 Euro für ihre CD's haben wollte: Wenn wir das nicht machen können, dann is das nicht unser Bier...

Bei "Kinderlied" fordert ihr ja, dass Kinder respektvoll behandelt werden, ernst genommen werden und nicht "nur Kinder" sind, so stehts im Booklet von der Cd. Würde mich interessieren, ob ihr selber Kinderpläne habt oder euch vorstellen könnt, irgendwann mal Kinder zu haben?

M : Ich kann mir total gut vorstellen irgendwann mal Kinder zu haben. Das wird aber auch nicht durch Zufall passieren, weil ich habe mich sterilisieren lassen vor 4 Jahren. Und zwar einfach deshalb weil ich selber ne blöde Kindheit hatte und gedacht habe: Ich will nicht zufällig oder aus Versehen mal Vater werden. Ich habe voll Bock Vater zu werden, aber dann auch, wenn ich das plane oder mich mit Leuten zusammentue. Tja, irgendwann werde ich sicher Leute finden, mit denen ich das dann zusammen bewerkstelligen werde...Dann wird's halt nicht mein biologisch eigenes Kind sein und ich finde es sowieso cooler zu dritt oder zu viert für ein Kind Verantwortung zu übernehmen, als zu zweit.

A : Also bei mir ist in den letzten Jahren die Überlegung gewachsen, dass es unter Umständen gar nicht schlecht wäre, dass es zumindest interessant wäre. Aber im Moment ist es gerade nich nicht der Zeitpunkt, dauert wahrscheinlich noch so ein paar Jahre, mal sehn...Außerdem ist es total schwierig, finde ich, mit Kind immer noch auf Tour zu gehen und das dann irgendwo zu lassen. Da muss man einfach genug Leute, ein Netzwerk um sich herum haben, dass das dann mittragen kann und das sehe ich im Moment noch nicht. Außerdem muss ich erstmal mein Studium abschließen, erstmal selber fertig werden mit meinem Leben, sodass ich das Gefühl habe ich kann das auch finanzieren.

M : Ich denk auch noch, dass Kinder auch schon der größte Integrationsfaktor sind...Du hast auf ein mal ein Kind und dann hast du viel mehr Verantwortung, du fängst dir an mehr Sorgen zu machen. Wo krieg ich meine Kohle her usw. Und das kann, wenn du kein soziales Netz hast, was dich auffängt, dazu führen, dass du dir ganz schön schnell ein geregeltes Leben suchst, weil es sonst nicht geht. Und außerdem ist auch diese Welt, in der wir leben, und auch die linke Szene irgendwie kein kinderfreundlicher Platz. Leute mit Kind sind hier total schnell draußen, können nicht mehr wohin gehen, verlieren den sozialen Anschluss. Deshalb ist es wichtig ein Netzwerk zu haben und bevor ich das nicht für mich sehe, stell ich mir das auch schwierig vor mit einem Kind. Aber ich finde es deshalb auch total wichtig Leute zu unterstützen, die selber Kinder haben.

A: Ich merke ja schon, dass ich mich gerade so ein bisschen umgucke, nach dem: Was kann es denn da geben, als Netzwerk, als Lebensentwurf in der Hinsicht mit Kind. Ich ziehe jetzt bald in ein Hausprojekt mit 45 Leuten und davon 10 Kindern und da bin ich mal gespannt, was ich da so alles sehe. Das Projekt gibt es seit 25 Jahren, da gibt es Kinder, die dort aufgewachsen sind und immer noch da wohnen. Und das finde ich schon spannend, mal zu hören, wie es Leuten geht, die in sowas aufwachsen. Kann auch sein, dass ich da sehe, dass sich vereinzelt eben so ein Trotz auswirkt auf die Pärchen und die anderen kümmern sich da nicht drum, da bin ich mal gespannt...

Gut, eure Musik ist ja eher schwer in Schubladen einzuordnen. Ist die Musik für euch nur Begleitmedium zum Text oder ist es für euch beides gleichberechtigt vom Wert?

A : Ich würde sagen gleichberechtigt. Natürlich wird die Musik gemacht, um den Text zu unterstützen und wir haben auch keine Stücke, die auf der Musik basieren und es gibt gar keinen Text, sowas haben wir nicht. Aber wenn man sich jetzt die Arbeit anschaut, die wir mit den Stücken haben...Mogli schreibt den Text, wir gucken uns den Text an, ob wir was damit anfangen können, überlegen uns, ob wir daran irgendwelche Kritikpunkte haben und diskutieren dann den Text nochmal. Und dann kommt aber der große Teil, dass wir uns überlegen: Was passt dazu für Musik und das ist ein ziemlich spannender, kreativer Prozess.

Auf der CD habt ihr ja bei "Die Welt dreht in den Fugen" ein Intro. Wo stammt das her und warum habt ihr es ausgewählt?

M : Das Intro stammt aus einem Genua-Film von indymedia, der im Winter 2001 erschienen ist. Der Mensch, der da von seinen Veretzungen erzählt, ist jemand, mit dem ich zusammen in Genua war damals. Sky heißt der, war auch indymedia-Journalist und ich war damals auch bei indymedia. Er ist bei dieser Schulrazzia damals, schon bevor die Bullen in der Schule waren, auf der Straße halb tot geschlagen worden. Das ist auf der CD, weil mir das damals sehr nah gegangen ist und das Lied ist ja auch eine Momentaufnahme von einem ziemlichen Schrecken. Das ist während 'ner Bahnhfahrt entstanden zurück von Genua nach Berlin, wo ich in einem Zug voll deutscher Touristen war, die gerade vom Badeurlaub kamen und am feiern waren und hatte so'n bisschen das Gefühl, ich bin hier total fehl am Platz. Es ist dadrauf um die Stimmung einzuleiten und für andere sichtbar zu machen, wie sich das angefühlt haben muss.

Die Resonanz auf eure Musik ist ja größtenteils ziemlich gut. Habt ihr auch schon negative Erfahrungen damit gemacht, z.B. auf Konzerten?

M : Eigentlich total selten...wir haben einmal 'n Konzert gespielt, unser zweites, das war '99 in der Köpi in Berlin und die Leute wussten halt nicht worauf sie sich einlassen. Das war einfach 'ne Horde Punks, die immer gesagt haben...

A : "Ihr kommt doch aus Hamburg, spielt doch mal 'n Seemannslied!" (lachen)

M : Aber ansonsten...uns haben mal Leute in unser Tourbuch geschrieben, dass sie uns total depressiv finden. Es hat mal jemand geschrieben: "Ich glaube ihr seid die Linken, die glauben, dass man hier überhaupt nichts verändern kann und ihr seid überhaupt nicht lebensbejahend..." Und das ist 'ne Kritik, die ich mir ziemlich zu Herzen genomen hab, ich hab da viel drüber nachgedacht und für mich stimmt das überhaupt nicht. Ich glaub, dass sich hier ganz ganz viel verändern kann, auch durch diese Musik und ich glaub auch, dass die Leute ihre Deformierung oder ihren Schmerz spüren und das auch ne ganz große Energie geben kann, was zu verändern.

Was bedeutet für euch Straßen musik? Was bedeutet es für euch, wenn ihr vor nicht "alternativem" Publikum spielt, was ihr ja mit Revolte Springen z.B. auf Straßenfesten tut?

M : Es ist so 'ne Mischung...Ich find es ganz spannend teilweise. Wenn die Leute zuhören und man hat das Gefühl, man kriegt die Leute, dann find ich's echt cool. Es ist schon beeindruckend, wenn du auf so'nem Festival spielst und dann spielst du "Das Herz ist ein Muskel in der Groesse einer Faust", dann gibt es da so Familien, die das mitsingen. Manchmal hab ich das Gefühl, ich will da nicht meine ganze Energie reinstecken, weil ich glaube, dass da nicht soviel hängen bleibt, ich mache lieber Musik für Leute, die erstmal ein generelles Interesse daran zeigen, als dass ich ganz viel um ihr Interesse kämpfen muss. Aber ich glaube auch, dass immer mal wieder was ist, wo Leute gute Momente oder Anstöße erleben, die sie weiterbringen oder in ihrem Denken bestätigen. Auch, wenn die keine klaren politischen Analysen haben von Dingen oder nicht ganz genau wissen, wo sie hingehen, find ich es trotzdem total viel, wenn es deren z.B. Unrechtsbewusstsein bestätigt oder Rechtsbewusstsein und einer sagt: "Ja stimmt, das sind Leute, die denken wie ich und das gibt mir Kraft, das mach ich so weiter." Aber ich hab auch nicht die Illusion, dass ich jetzt auf der Straße unsere Lieder singen werde und dadurch die Leute von außen verändern werde, weil ich glaube, am meisten bleibt immer noch bei Leuten hängen, die irgend einen Bezug zu dir haben. Leute, die sich in 'nem Nahumfeld bewegen, wirst du viel eher erreichen, als welche, die dich überhaupt nicht kennen. Und auf der Straße find ich es auch nur deshalb so sicher, weil wir da mit so vielen Leuten stehn. Ich mache ja Musik in der U-Bahn und wenn ich da alleine spiele...dann bist du schon ganz schön fragil oder so. Machmal finden's Leute total geil und manchmal finden's Leute auch so richtig scheisse. Welche, die irgendwie rechts sind und konservativ und da keinen Bock drauf haben und auch nicht auf so 'ne politische Message Bock haben. Und wenn du da alleine stehst, dann brauchst du manchmal schnelle Füße...

Ok, vorletzte Frage: Es werden ja immer mehr Freiräume geräumt und immer mehr sind von Räumung bedroht. Wie glaubt ihr, dass es da weitergeht und denkt ihr, dass es möglich wäre, dass es irgendwann sowas gar nicht mehr gibt und dass es irgendwann ganz zugrunde geht?

A: Mmmhh...ganz schön generell...

M : Naja grade geht ja die Tendenz schon dahin, dass gemietete Hausprojekte usw. ihre Verträge teilweise nicht verlängert kriegen oder es schwierig ist. Aber es gibt ja grade so 'ne neue Bewegung, und zwar, dass die Leute anfangen ihre Häuser zu kaufen und das sehe ich auch grade als die einzige Möglichkeit, Projekte dauerhaft zu erhalten. Es ist ein bisschen zynisch, weil vor 17 Jahren haben die Leute Häuser besetzt, da gab's irgendwie 150 besetzte Häuser, aber mittlerweile ist die Situation aber so, dass ich denke: Wenn Häuser kollektiv gekauft werden, verhindert das auch, dass es 'ne Gruppe von Eigentümern gibt, sondern die Häuser kriegen so eine klare Widmung im Sinne: Da müssen offene Räume sein, wo ganz lange noch alle Leute hingehen können. Das sehe ich gerade als die einzige langfristige Perspektive, dass die Häuser bleiben. Es gibt gerade keine große Bewegung...Man hat das ja an der Räumung von der Yorck gesehen: Die Leute haben sich eineinhalb Jahre alles abgestrampelt, die haben so viele Aktionen und Aktionsformen gemacht und so viel Solidarität bekommen. Ich kann mir eigentlich nichts größeres vorstellen real...und die haben ihr Haus verloren. Das entmutigt mich jetzt nicht, weil die haben gleich danach wieder eins besetzt und das war die erste Besetzung, die in Berlin seit 13 Jahren geklappt hat und sowas macht natürlich auch Mut.

A : Ich glaube auch, es wird einfach immer schwieriger, wenn die politische Gesamtsituation in Deutschland, in Europa und in der Welt sich so entwickelt, wie sie das im Moment tut...auf immer mehr Sicherheit, immer mehr Ausweitung der Staatsgewalt usw. Ich hoffe nur einfach, dass durch die prekäre Lage von immer mehr Leuten da auch irgendwann wieder was draus entsteht und neue Bündnisse entstehen, einfach dadurch dass immer mehr Leute aus verschiedensten Ecken die gleichen Probleme haben, sowohl Immigranten, als auch Arbeitslose oderso. Ich finde, da wird ganz schön viel dran gearbeitet und da passiert schon einiges. Es ist noch längst nicht genug, ein Großteil, von dem, was dabei rauskommt ist immer noch relativ schwach, aber es geht schon ganz viel in 'ne richtige Richtung.

Wie sehen die Pläne für die Zukunft aus?

A : Wir sind leider alle unter Druck von außerhalb der Band, wir müssen ganz viel organisieren, Abschlüsse machen, usw. Aber für die Bands ist dann trotzdem der Plan im Februar 07 mit "Früchte des Zorns" 'ne CD aufzunehmen, wenn wir bis dahin genug neue Stücke haben...wenn's nicht genug ist, machen wir halt ne kleine CD. Und dann ab April für einen Monat mit "Revolte Springen" zu arbeiten, also 2 Wochen Proben und 2 Wochen Tour oder so ähnlich. Und wahrscheinlich machen wir nächstes Jahr im Sommer nochmal 'ne "Früchte des Zorns"-Tour. Aber das ist alles sehr zeitlich beschränkt gerade.

M : Wir haben alle 'nen ziemlich dichten Terminplan, weil wir alle unsere Brötchen irgendwie anders verdienen oder Ausbildung machen...(zu Anke:) Aber ich will das noch ganz viele Jahre mit euch machen.

A : Ja klar, nach 2007 hört das noch lange nicht auf.

Schön zu hören...habt ihr noch irgendwelche abschließenden Worte oder was, was ihr noch loswerden wollt?

M : Und sie trugen in ihrem Herzen den Wahnsinn und die Gewissheit zu glauben, dass alles gut wird!

(Interview vom 30.9.06)

Ein weiteres Interview gibts hier ...



zuletzt aktualisiert am 09.01.2008